Sprachcoaching für Fortgeschrittene:

Der schwierige Weg vom Labor in den beruflichen Alltag

Es sind immer wieder dieselben Klagen, die von vielen ausländischen Führungskräften geäußert werden. Obwohl sie nach einigen Monaten intensiven Sprachtrainings die deutsche Sprache mehr oder weniger gut beherrschen, fühlen sich viele in der Kommunikation mit deutschen Mitarbeitern, Kollegen, Vorgesetzten oder Kunden bei Gesprächen, Diskussionen oder Präsentationen blockiert. Sie wechseln dann bei der ersten Gelegenheit auf das vermeintlich sichere Terrain der englischen Sprache oder ziehen sich in eine stumme Beobachterrolle zurück.

Spricht man sie als Trainer darauf an, sind die Antworten oft ähnlich. "Wenn ich im Training bin, fühle ich mich sicher und weiß, dass ich meine Ansichten auch gut auf Deutsch formulieren kann. Aber im Meeting mit meinen deutschen Kollegen bringe ich kein Wort heraus. Ich fühle mich völlig blockiert." "Mir fehlt die flüssige Argumentation. Ich brauche für jeden Satz eine Ewigkeit. Das möchte ich meinen Kollegen nicht zumuten." "Natürlich habe ich in Besprechungen gute Ideen oder Einwände. Aber bis ich alles für mich formuliert habe und dann genug Selbstvertrauen für einen Beitrag habe, sind die Kollegen schon beim nächsten Punkt." "Meine Stimme ist auf Deutsch so leise und kraftlos. Mir gelingt es nicht, kompetent aufzutreten. Ich habe das Gefühl, ich rede wie ein Kind."

Das Bild des Kindes ist oft ein Schlüssel, um das Problem in seiner Komplexität zu verstehen. Die Transaktionsanalyse geht von vier Grundeinstellungen aus, die die soziale und psychologische Kommunikation maßgeblich beeinflusst.

  1. Ich bin okay - du bist okay (gesunde Position). Mit mir hat es seine Richtigkeit, und du bist mir recht, so wie du bist. Das ist die Gewissheit, dass ich und der Andere gleichwertig sind. Das ist die Basis für gemeinsames Vorankommen.
  2. Ich bin nicht okay - du bist okay (depressive Position). Mit mir stimmt etwas nicht, du bist in Ordnung. Ich mache mich klein, weil ich denke, dass der Andere besser, mächtiger, intelligenter, wichtiger oder was auch immer ist. Die Folge ist ein Abrücken, ein innerer oder äußerer Rückzug.
  3. Ich bin okay - du bist nicht okay (autoritäre Position). Ich bin in Ordnung, aber mit dir stimmt etwas nicht. Ich lehne den Anderen ab und bin überzeugt, dass meine Position die richtige ist. Damit vertiefe ich Gräben und schiebe ihn ab.
  4. Ich bin nicht okay - du bist nicht okay (nihilistische Position). Mit mir stimmt etwas nicht, und mit dir ist auch etwas nicht in Ordnung. Diese Position wertet alle ab und führt zu Resignation und Aufgabe.

Angewandt auf die Kommunikation zwischen einem deutschen Muttersprachler und einem Ausländer vollzieht sich in Besprechungen, Gesprächen und Diskussionen aus Sicht der ausländischen Führungskraft oft der Übergang von der gesunden Position "Ich bin okay, du bist okay" zur depressiven Position "Ich bin nicht okay, du bist okay." Während die deutschen Kollegen flüssig und rhetorisch geschickt ihre Argumente vortragen, werden sich Ausländer bewusst, wie unzulänglich ihre eigenen deutschen Sprachkenntnisse im Vergleich dazu noch sind. Und je selbstbewusster die deutschen Kollegen auftreten, desto kleiner fühlen sie sich. Sie werden in ihrem inneren Empfinden dann tatsächlich wieder zum Kind, dass zu den großen Erwachsenen aufschaut und sie stumm bewundert. Wird dieses Empfinden noch dadurch verstärkt, dass auch auf der Sachebene die eigenen Vorschläge autoritär zurückgewiesen werden - unsere deutsche Position ist okay, Ihre nicht - , ziehen sich viele ausländischen Führungskräfte frustriert und resigniert zurück.

In solchen Fällen wird dem Trainer bewusst, dass er im Sprachtraining an Grenzen stößt. Es kommt jetzt nicht mehr auf das weitere Trainieren von Wortschatz, Redewendungen und Modulen in der Laborsituation des Sprachtrainings an, sondern um eine effektive Umsetzung des Gelernten in die berufliche Praxis. Kurz: auf den Transfer.

Aus diesem Grund bietet factory international training nun auch ein Sprachcoaching an. Dabei begleitet der Coach ausländische Führungskräfte in Gespräche am Arbeitsplatz, in Besprechungen oder auch bei Verhandlungen und Präsentationen mit Kunden. Er beobachtet ihr Verhalten, analysiert anschließend die verschiedenen Gesprächssituationen und überlegt gemeinsam mit der Führungskraft, welche Schritte notwendig sind, damit diese auch auf Deutsch effektiv kommuniziert und sich kompetent darstellt. Hier kommt es nicht mehr auf positive Rückmeldungen in der Laborsituation des Trainings an, sondern um das Gewinnen von persönlicher Sicherheit durch Erfolgserlebnisse in der beruflichen Praxis.

Unsere Erfahrungen mit diesem Ansatz sind sehr positiv. Wer es einmal geschafft hat, in einer Besprechung seine Ansichten auf Deutsch darzulegen, vor Kollegen auf Deutsch zu präsentieren oder ein schwieriges Telefonat auf Deutsch zu führen, gewinnt sehr schnell an Sicherheit. Was gestern noch unmöglich schien - der sichere Umgang mit der deutschen Sprache - , kann in einem oder zwei Monaten zur Normalität werden. Ich bin okay, du bist okay - und nicht mehr nur auf Englisch, sondern auch auf Deutsch.

Der am häufigsten geäußerte Einwand gegen diesen Ansatz ist die Sorge von Führungskräften und Kollegen, dass firmeninterne Informationen über den Coach nach außen gelangen könnten. Oder anders formuliert: Was hat der Coach in unserer Besprechung zu suchen? Wir haben hier folgenden Weg gewählt:

  1. Wir sprechen das Thema der Verschwiegenheit bereits vor Beginn des Coachings in einem Gespräch mit den Vorgesetzten an. Der verantwortungsvolle Umgang mit internen Informationen ist das A und O unserer professionellen Glaubwürdigkeit. Das wird der Führungskraft garantiert. Ganz entscheidend für die Akzeptanz im Unternehmen ist darüber hinaus, dass sie unseren Ansatz mitträgt und unterstützt.
  2. Am Anfang einer Besprechung oder Präsentation stellt uns die Führungskraft oder der Moderator kurz vor und erklärt das Ziel unserer Anwesenheit. Das Verständnis bei den anwesenden Kollegen ist nach unserer Erfahrung dabei hoch. Denn oft wird dadurch erst bewusst, dass auch die Organisation ausländische Führungskräfte unterstützen muss und die sprachliche Integration nicht nur auf ihren Schultern ruhen kann. Und nicht zuletzt: Bevor man riskiert, dass Besprechungen mit ausländischen Kollegen künftig nur noch im ungeliebten Englisch stattfinden, bemüht man sich lieber darum, dass die Ausländer schnell Deutsch lernen.
  3. Gibt es kritische Punkte auf der Tagesordnung, können diese am Anfang oder am Ende der Besprechung ohne den Coach diskutiert werden. Bei einer dreistündigen Besprechung reicht oftmals eine Stunde aus, um das Diskussionsverhalten unserer Coachees zu beobachten und anschließend analysieren zu können. Hat einer der Coachees einen Beitrag für die Besprechung vorbereitet, kann man mit dem Moderator vorab den Zeitpunkt dafür festlegen.
  4. Schriftliche Notizen, die bei der Analyse hilfreich sind, verbleiben anschließend in den Händen des Coachees und damit im Unternehmen.
  5. Bei unseren regelmäßigen Evaluationen über den Lernfortschritt befragen wir auch Vorgesetzte, Kollegen, Mitarbeiter oder auch Sekretärinnen nach ihrer Einschätzung: Wie hat sich die sprachliche Kompetenz Ihres ausländischen Mitarbeiters entwickelt? Wenn dabei deutliche Fortschritte zu erkennen sind, werten wir das auch als Erfolg des Sprachcoachings. Das schafft langfristig eine Akzeptanz des Ansatzes im Unternehmen.
Aus Sicht der Trainer wie auch unserer ausländischen Führungskräfte hat sich das Sprachcoaching für Fortgeschrittene als eine effektive und zielgerichtete Methode erwiesen, um den Lerntransfer in die berufliche Wirklichkeit zu erleichtern. Es trägt entscheidend zur Stärkung des Selbstbewusstseins von ausländischen Führungskräften bei, weil sie durch den Coach Unterstützung erfahren. Es ermuntert sie, immer neue Aufgaben auf Deutsch zu bewältigen und durch diese Herausforderungen zu wachsen. Und es fokussiert das Sprachtraining zielgerichtet auf die Aufgaben, auf die es in der beruflichen Praxis wirklich ankommt.

 

Sprache in der Arbeitswelt

Für ein berufsspezifisches Sprachenlernen in der Wirtschaft

Die frustrierende Erfahrung kehrt immer wieder. Da hat man sich zweimal in der Woche tapfer durch den Abendkurs gekämpft und mit "sehr gut" oder "gut" abgeschnitten, einen dreiwöchigen Intensivkurs im Ausland mit dem Zertifikat abgeschlossen oder am eigenen PC alle Aufgaben des neueste Business-Programm souverän bewältigt - und doch hat man spätetens nach zwei Monaten wieder das Gefühl, in der sprachlichen Bewältigung der beruflichen Aufgaben keinen Zentimeter vorangekommen zu sein. Die präzisen Fachbegriffe für die e-mails in Englisch sind schon wieder vergessen, vom Telefonat mit der Auslandsniederlassung in Spanien versteht man weiterhin nicht einmal die Hälfte, und wenn man beim Gespräch mit dem französischen Kunden unter Druck kommt und in Streß gerät, sind die mühsam erlernten Redewendungen für eine überzeugende Argumentation schlagartig weg.

Für dieses Phänomen gibt es zahlreiche Gründe. Da ist zum einen die falsche Annahme, daß die regelmäßige Teilnahme an allgemeinsprachlichen Kursen nahezu zwangläufig auch zu einer Verbesserung der Sprachkenntnisse im Beruf führen muß. Zwar wird nach dem fünften oder siebten Kurs Bekanntes sicherer beherrscht, aber echte Lernfortschritte werden kaum noch wahrgenommen. Wer seine Fremdsprachenkenntnisse auch im Beruf braucht, müßte sich unmittelbar nach der Grundausbildung durch Training der Berufssprache die sprachliche Handlungsfähigkeit und durch Erlernen der Fachsprache die fachliche Wissens- und Könnenseignung in einer fremden Sprache aneignen. Fachsprache Pharma oder Pflanzenschutz in englisch, professionelle Geschäftstelefonate in Spanisch, Grundlagen von Verhandlungstechnik und Gesprächsführung in Französisch.

Doch diese berufsorientierten Trainings werden von den wenigsten Sprachinstituten angeboten, weil sie ihnen zu aufwendig sind. Eine professionelle Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung erfordert die Erstellung eigener Lernmaterialien, eine individuelle Bedarfsanalyse bei jedem Teilnehmer und eine regelmäßige Evaluation der Lernfortschritte am Arbeitsplatz. Da sind Standardkurse einfacher zu organisieren. Das Kursprogramm ist erprobt und bewährt, die Lehrwerke stehen schon im Regal, und mit dem Abschlußtest ist das Training beendet. Der Lerner muß dann alleine sehen, ob er das Gelernte auch im Beruf anwenden kann. Problematisch ist zudem, daß nur wenige Sprachtrainer Berufserfahrung in Industrie, Handel oder Dienstleistungsektor besitzen. Aufgrund ihres philologisch-pädagogischen Hintergrunds liegen ihre Stärken zumeist in Methodik, Didaktik oder Grammatik, nicht aber in den Berufs- und Fachsprachen ihrer Teilnehmer.

Ein weiterer Grund für Sprachschwierigkeiten am Arbeitsplatz liegt in der Transferproblematik. Darunter versteht man die Umsetzung von neuerworbenem Wissen in den beruflichen Alltag. Denn auch diejenigen, die sich in Kursen für Berufs- und Fachsprache auf ihre Arbeit vorbereitet haben, stellen etwa in der Kommunikation immer wieder fest, daß die sprachlichen Anforderungen im Beruf weitaus anspruchsvoller sind als in der Laborsituation des Trainingsraums. Dort kann das Telefonieren mit Kollegen richtig Spaß machen - und zwar im deutlichen Gegensatz zu einem Telefonat mit einem aggressiven, unzufriedenen Kunden oder Vorgesetzten in einer fremden Sprache. Streß, geistige Lähmung, plötzliche Vokabellücken oder gar Sprachblockaden reduzieren die eigene sprachliche Handlungsfähigkeit beträchtlich.

Professionelles Sprachtraining für den Beruf berücksichtigt alle diese Aspekte. Erst nach genauer Bedarfsanalyse bei den Teilnehmern werden Unterlagen und Lernmaterialien für das Training erstellt. Erfahrene Sprachtrainer nutzen die Vorbereitungszeit, um ihre Branchenkenntnisse zu vertiefen und sich mit der Fachsprache ihrer Teilnehmer vertraut zu machen. Entscheidend für die Auswahl der Themen und Übungen für das Training ist, daß sie stets direkten Bezug zum Arbeitsalltag der Lernenden haben. Den Teilnehmern muß der Nutzen der Übungen klar sein. Und berufsorientiertes Sprachtraining endet nie mit dem letzten Seminartag, sondern wird im Training on the job fortgesetzt. Der Trainer begleitet seine Teilnehmer an den Schreibtisch, ans Telefon oder zum Kun-dengespräch, wo er die Umsetzung des Gelernten analysiert und gezielt auf sprachliche Probleme oder psychologische Hemmungen eingehen kann. Nicht in Noten oder Zertifikaten, sondern am Fortschritt bei der Bewältigung der beruflichen Aufgaben werden Erfolg oder Mißerfolg des Trainings sichtbar und meßbar. Für den hohen Aufwand dieses anspruchsvollen Konzept werden die Sprachtrainer aber vor allem durch eines entschädigt: Bei keinem anderen Sprachtraining hat man so engagierte und hochmotivierte Teilnehmer wie die, die das heute Gelernte morgen schon in ihrer Arbeit umsetzen.

(Dr. Hans-Jörg Keller)

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